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Megaphon statt Matratze

Von: David Baumgartner & Peter K. Wagner

Die Romanverfilmung „Das ewige Leben“ wurde in Graz gedreht. Mit Josef Hader als konfusen Ermittler Simon Brenner. Im Interview erzählt uns der Kabarettist und Schauspieler, warum das Megaphon Teil des Films wurde und wie er als Künstler mit unserem zynischen System umgeht.

Simon Brenner geht in „Das ewige Leben“ an einem Megaphon-Verkäufer vorbei. Wieso kauft er denn kein Heft?
Josef Hader: Er hat leider eine Matratze gekauft und muss diese einladen. Im Drehbuch stand, dass der Megaphon-Verkäufer ihm helfen will, der Brenner ablehnt und die Matratze alleine auflädt. Es war aber die letzte Szene am Tag, also sind die Ambitionen leider der Zeit zum Opfer gefallen.

Warum ist das Megaphon im Film dabei?
Hader: Mir fiel das Megaphon im Grazer Straßenbild auf. Deswegen hab ich es ins Drehbuch geschrieben.

Ist es Ihnen wichtig, dass sozialkritische Themen in Filmen vorkommen?
Hader: Ich dachte mir, dass man ein sympathisches Projekt durchaus in einem Film vorkommen lassen kann. Ich finde es jedoch nicht gut, wenn schwerwiegende soziale Probleme in Krimis abgehandelt werden – nur damit sie auch vorkommen. In einen Roman passt viel mehr als in einen Film. Die Rechtsbewegung und das Roma-Problem aus dem Buch waren in den ersten zwei Drehbuch-Fassungen dabei. Dann wollten wir es aber lieber weglassen, bevor wir es nur ein bisserl vorkommen lassen.

Darf es im Jahr 2015 Bettler/innen geben, die am Hauptplatz nächtigen müssen?
Hader: Natürlich nicht. Das Problem der Demokratie ist, dass immer für jene etwas getan wird, die eine Lobby haben oder die bei der nächsten Wahl die Politiker/innen abstrafen können. Kinder, Asylsuchende und Obdachlose sind nicht wahlberechtigt. Infolgedessen interessieren sie die Politik viel weniger. Deswegen ist jede/r, die/der sich als Bürger/in begreift, aufgerufen, solche Gruppen, die von der Politik schlecht behandelt werden, zu unterstützen.

Gibt es genug Bürger/innenbewegungen in Österreich?
Hader: Es sind immer zu wenige. Österreich war von der Mentalität und Geschichte her so lange ein Obrigkeitsstaat, dass Bürger/innenbewegungen es schwer haben – weil sie nicht so eine lange Tradition haben wie beispielsweise in Frankreich. Wir haben so lange eine Monarchie gehabt, dass heute im ORF-Zentrum, je nachdem in welchem Stockwerk man aussteigt, anders gegrüßt wird. Man kann sich vorstellen, auf welche Probleme Bürger/innenbewegungen stoßen.

Soll Kabarett als Kunstform ein Anlass für Bürger/innenbewegungen sein, um negativen Tendenzen in der Demokratie entgegenzuwirken?
Hader: Das soll die Kunst generell. Die Frage ist, welchen Weg man wählt. Ich finde es künstlerisch langweilig, wenn ein/e Kabarettist/in auf der Bühne steht und sagt, wie es sein soll. Es sei denn, er kann es richtig gut – ich kann das zum Beispiel nicht. Ich versuche in der Kunst eher, den Zynismus, der im System steckt, zum Zynismus auf der Bühne werden zu lassen. Die Lösung soll in den Köpfen der Zuschauer/innen entstehen.

Finden Sie es gut, dass die Redaktion von Charlie Hebdo die Arbeit konsequent fortsetzt?
Hader: Ja, absolut. Die Meinungsfreiheit und die Idee, dass man sich bei Meinungsverschiedenheit nicht gegenseitig den Schädel einschlägt, sind große Errungenschaften der Menschheit. Die Demokratie ist weder ein Geschenk, noch etwas, das kommt wie der Regen. Wenn man nicht drauf aufpasst, kann sie wieder weg sein. Deswegen finde ich es richtig, dass man überzeugte/r Demokrat/in ist. Für mich ist Gewaltfreiheit aber sehr wichtig. Ich bin gefragt worden, ob ich in Wien bei einer Aktion gegen den Akademikerball mitmachen möchte. Ich habe „Nein“ gesagt.

Josef Hader (53) gehört zu den erfolgreichsten österreichischen Kabarettisten und Schauspielern. Im Herbst 2015 möchte Hader erstmals als Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler bei „Die wilde Maus“ tätig sein, danach widmet er sich mit einem neuen Programm wieder der Kabarettbühne.

„Das ewige Leben“ ist seit 5. März im Kino zu sehen. Der Ermittler Simon Brenner (Josef Hader) trifft dort auf alte Polizeischulkollegen (Tobias Moretti und Roland Düringer), mehrere Tote, einen Megaphon-Verkäufer – und seine Vergangenheit, die ihn in einige Konflikte stürzt.

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