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Zufluchtsort Zypern

Von: Natalie Resch

In „Evaporating Borders“ verwebt die Regisseurin Iva Radivojevic ihre persönliche Fluchtgeschichte mit der aktuellen Situation in Zypern. Zu sehen ist der Film beim Crossroads Festival in Graz.

Der Blick wandert hinaus aufs Meer, den Strand entlang. Die Zeit scheint still zu stehen. Über die touristischen Bilder legt sich eine weibliche Stimme aus dem Off Es ist die der Regisseurin Iva Radivojevic, die in „Evaporating Borders“ („Verdunstende Grenzen“) auch ihre persönliche Fluchtgeschichte erzählt: Wie viele andere ist sie aus Angst um ihr Leben Ende der 90er vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien nach Zypern geflohen. Damals war sie 12 Jahre alt, mit 18 ging sie nach New York. Heute bezeichnet sie die drittgrößte Insel des Mittelmeeres als altes Zuhause, als „vertraute
Fremde“.
Im Film verwebt die mehrfach ausgezeichnete Regisseurin zypriotische Realität mit eigenen Erfahrungen. Ohne zu werten, lässt sie verschiedene Akteure und Akteurinnen zu Wort kommen: Flüchtlinge, Regierungsmitglieder, Helfer/innen und auch jene, die faschistischen Bewegungen anhängen. Statements, die vieles erklären. Und so manche Grenzen in den Köpfen zum Verdunsten bringen.

Tor nach Europa
Die Bevölkerung Zyperns besteht aus einer griechisch-zypriotischen Mehrheit und einer türkisch-zypriotischen Minderheit. Die Zweiteilung des Landes hat die „Grüne Linie“ hervorgebracht. Dieser Landstreifen wird „No Man’s Land“ genannt. Er ist die offene Wunde Zyperns und für viele Flüchtlinge das Eintrittstor in den Zukunftstraum Europa. Entkommen wollen sie Krisen und Kriegen in ihren Heimatländern, viele sind aus Asien und Afrika. Ende letzten Jahres mussten rund 700 Flüchtlinge in Seenot vor den Küsten Zyperns gerettet werden. „Der Grund, warum wir hier sind, ist bekannt. Der Irak war die Hölle für uns“, beschreibt eine Frau ihre Fluchtsituation. In Zypern hofft sie, wie viele andere auch, auf Stabilität, auf eine gute Zukunft für ihre Kinder und auf Arbeit. Einen Vorschuss haben fast alle schon bezahlt. Für ihre Flucht vor dem Diktator Assad etwa hinterlegten Syrer/innen rund 8000 Euro pro Kopf.
In Zypern werden die Neuankömmlinge nicht willkommen geheißen. Ein Regierungsmitglied drückt das so aus: „Sie werden geschickt, um Arbeit zu finden.“ Er unterstellt den Flüchtlingen, dass sie gut organisiert seien und alsbald einen Weg finden würden, sich als arbeitsunfähig hinzustellen und Sozialleistungen zu beziehen. In den Augen dieses Zyprioten sind Einwanderer und Einwanderinnen schuld an Kriminalität, Fundamentalismus und Ghettoisierung. „Es wird zu einer Frage der nationalen Sicherheit“, sagt er und fragt: „Wie kann unser kleines Zypern mit einer Bevölkerung von 800.000 all diese Menschen aufnehmen?“
Ein Sozialarbeiter erzählt, dass die Regierung Zyperns 45 Millionen von der EU erhalte, um Sozialleistungen im Asylbereich abzudecken. Das werde mitunter als Grund gesehen, warum Zypern von Flüchtlingen aus aller Welt überrannt wird. Die EU zahle sich frei und schotte sich weiterhin ab. „Wenn Zypern keine Flüchtlinge will, warum unterzeichnet es Vereinbarungen?“, fragt sich ein politischer Aktivist und Asylwerber. Er war jahrelang für die Palästinensische Befreiungsorganisation tätig und wartete in Zypern neun Monate auf die Behandlung seines Falles, der dann in 15 Minuten vom Tisch war; negativ.

Die Erfindung der Angst
„Für die meisten Zypriotinnen und Zyprioten sind Einwanderinnen und Einwanderer keine Individuen. Sie werden zu einer amorphen Gestalt stilisiert, vor der wir uns schützen müssen.“ Die Stimme aus dem Off erzählt von Einwanderinnen, die als Hausmädchen für einen Hungerlohn arbeiten und in die Prostitution gezwungen werden. Sie erzählt von Drohungen der Mafia gegen Helfer/innen, von verzweifelten Asylwerbern und Asylwerberinnen, die Selbstmord begehen, von Menschenhandel. „Fünfzig Flüchtlingskinder sind auf Zypern verschwunden.“ Dann kommt ein junger Flüchtling zu Wort: „Manchmal sagen sie, wir wollen keine Muslime. Wo auch immer wir hinkommen, sie hassen uns.“ Und die Regisseurin Iva Radivojevic fragt: „Wie lange werden sie uns behalten? Wie kommen wir hier raus. Wer hat Angst vor wem?“
Ein Zypriot verweist auf die Rolle der Medien, die den Fremdenhass noch anheizen, indem sie Angst schüren: „Wir haben einen Feind kreiert und um ihn herum organisieren wir unsere Identität.“
Die Realität auf der Sonneninsel Zypern, dem Eintrittstor nach Europa sieht düster aus: „Zypern ist einer der schlimmsten Orte für Zugewanderte”, warnt ein Sozialarbeiter im Film. Und dennoch starten Menschen täglich gefährliche Fluchtversuche, um nach Zypern zu gelangen. Dort ist es sicherer als in ihren Heimatländern. Nur das zählt.

Crossroads, Festival für Dokumentarfilm und Diskurs
3. bis 13. Juni 2015

Forum Stadtpark,
Stadtpark 1, 8010 Graz
www.crossroads-festival.org

Unsere Tipps zum Thema „Festung Europa”
Do, 11. Juni

18:00 Film, „Shipwreck“,
NL, 2014, 15 min, OV mit Englischen Untertiteln (Österreichpremiere)

18:30 Film & Gespräch, „Evaporating Borders“,
CY/US, 2014, 73 min, OV mit englischen Untertiteln

21:00 Film & Gespräch, „Insel 36“,
E, 2014, 65 min, OV mit deutschen Untertiteln (Österreichpremiere)

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