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Brief an mich

Von: Gerda Rogers

Gerda Rogers schreibt ihrem jüngeren Selbst

Liebe Gerda,
da sitzt du in der Volksschule in Sierninghofen, saugst mit unstillbarer Neugier alles auf, was die Frau Lehrerin zu sagen hat, und träumst davon, eines Tages selbst Lehrerin zu sein. Wenn du jetzt schon könntest, was du erst viele, viele Jahre später können wirst, nämlich in Horoskopen lesen, dann wüss- test du bereits, dass dein Lebensweg ganz anderes für dich vorgesehen hat.
Du würdest dich aber auch ganz besonders darauf freuen, dass du noch so viel von der Welt sehen wirst, ja eigentlich so gut wie jede Ecke dieses Planeten. Dabei bist du für dein zartes Lebensalter ohnehin schon ganz schön viel herumgekommen, wenn auch aus der Not der Zeit und alles andere als freiwillig: Du hattest kaum noch Gelegenheit, deine Geburtsstadt, Mährisch-Schönau, zu entdecken, als ihr von dort vertrieben wurdet und mit der Mutter, der Zwillingsschwester und der großen Schwester zu Verwandten nach Deutschland aussiedeln musstet, während der Vater nach Wien floh, um hier vorü- bergehend unterzutauchen und sich der späten Einberufung zu den letzten Aufgeboten der Nazis zu entziehen. Aber du warst schon damals so eine kleine Weltbürgerin, der das gar nicht viel ausmachte; die Lust an neuen Eindrücken und neuen Wegen hat ein wehmütiges Zurückschauen schon in dieser für die Erwachsenen so schrecklichen Zeit gar nicht erst zugelassen. Woran du dich aber gerne erinnern wirst: dass man dich und deine Zwillingsschwester kaum unterscheiden kann, was aber egal war, da ihr beide immer derart gleichgeschaltet seid, dass eine die andere jederzeit und in jeder Hinsicht vertreten kann. Sodass es letztlich sogar der Lehrerin egal ist, dass sie euch nicht auseinanderhalten kann. Es wird dich sicher freuen, dass sich an dieser engen Verbundenheit mit Renate das ganze Leben lang nichts ändern wird.
Was du später noch alles erleben wirst, lässt sich in so einem Brief gar nicht aufzählen. Nur so viel: Du wirst mit zwei Männern verheiratet sein, die dich um den ganzen Erdball führen, und da – speziell in Ägypten und im Fernen Osten – packt dich die Faszination für die Mystik, die dir den Blick tief unter die Oberfläche des menschlichen Daseins eröffnen und dich schließlich zur Astrologie, deiner eigentlichen Lebensaufgabe, führen wird. Die wird dir dann auf ganz andere Weise ermöglichen, sehr, sehr vielen Menschen eine Art Lehrerin zu sein und eine sehr erfolgreiche noch dazu.

Das, was Du Dir gerade erträumst, wird dafür dein Sohn verwirklichen: Der bringt es sogar bis zum Gymnasialdirektor.

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