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Brief an mich

Von: Rainer Binder-Krieglstein

Rainer Binder-Krieglstein schreibt seinem jüngeren Selbst

Lieber Rainer!

Es ist 12 Uhr Mittag, August 1970 und irgendwas. Du kannst gerade auf Deinen eigenen Beinen stehen und es geht Wumm Tschak – Wumm Tschak – Wumm, Wumm Tschak – ein Riesenkrach, aber es gefällt Dir dermaßen gut, dass Du Dich nicht von der Stelle bewegen willst. Deine Eltern suchen Dich schon verzweifelt (oder auch nicht), doch eingeklemmt zwischen großer Trommel und Marschtrommel der Dorfblasmusikkapelle Siebing bist Du sowieso unauffindbar. Dieser rhythmische Lärm ist so prägend, dass Du unerlaubterweise über das kaputte Fenster des Internatsgebäudes, wo Du später zur Schule gehen wirst, reinkraxelst. Ein sehr schöner Moment in Deinem Leben, denn drinnen, da steht ein richtiges Schlagzeug … ja, es fühlt sich gut an, dieses Instrument. Eigentlich möchtest Du gar nichts anderes mehr machen und es wird Dich wahrscheinlich Dein ganzes Leben lang begleiten! Aber es ist auch wichtig, viele andere Dinge auszuprobieren und zu versuchen, diese mit Herz und Leidenschaft auszuführen. Dann bleibt mit Sicherheit das, was man „die große Leidenschaft“ nennt, übrig.

Kindergarten ist nicht so dein Ding. Du bist zwar ganz gern unter anderen Kindern, aber dann doch wieder gern allein. In der Schule sind nicht die verschiedenen Gegenstände für Deine Aufmerksamkeit und Lernlust ausschlaggebend, sondern vielmehr der lebendige Vortrag deiner Lehrer. Ob Musik machen jetzt dein großes Talent ist, sei dahingestellt. Aber neben all den anderen Tätigkeiten bleibt es doch immer das, was Dich am meisten ausfüllt. Später, bei so Phrasen wie „Hauptsache es macht Spaß“, „Drummers are musicians' best friends“ oder „es soll ja ein Hobby bleiben“, denkst Du: Irgendwie stimmt‘s ja, aber es bleibt dieses „Trotzdem“. Immer wieder wirst Du von anderen hören, dass man Dinge machen, haben, wollen oder tun sollte. Ich kann Dir aber versichern, dass es wichtig ist, selbst herauszufinden, was Du machen, haben, wollen oder tun sollst. Genauso wichtig wie herauszufinden, was Du nicht kannst, hast oder willst.

Irgendwann fragt Dich Dein Vater, wie Du es Dir vorstellst, Dir mal ein eigenes Auto leisten zu können. Das gibt Dir kurz zu denken, aber es ist Dir egal, weil Du Dir sicher bist, dass es schon irgendwie
klappen wird. Außerdem ist Fahrradfahren zumindest in der Stadt sowieso schneller, besser und
umweltfreundlicher. Übrigens, reg Dich richtig auf, wenn es Dir komisch vorkommt, dass Du als
Radfahrer im Grazer Stadtverkehr eher als Störfaktor wahrgenommen wirst denn als Held der Straße. Oder dass Du auf einem eingezäunten Asphaltplatz im Hof Fußball spielst, obwohl nebenan eine
wunderschöne Wiese liegt, auf der nur die Hunde kacken dürfen.

Lieber Rainer, Dir tun die Knie jetzt schon weh – und die brauchst Du ja doch noch, weil Kicken später immer noch sehr lustig ist!


Rainer Binder-Krieglstein, geboren 1966, lebt als Musiker in Graz. Er tritt als Binder & Krieglstein und bei Theaterproduktionen auf. Nächster Live-Termin als Binder & Krieglstein: 6. September, Brauhaus Bevog – Die Craftbierbrauerei, Bad Radkersburg.

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