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Brief an mich

Von: Tex Rubinowitz

Tex Rubinowitz schreibt seinem jüngeren Selbst

Lieber Tex,
Du bist 16, und auch wenn Du gerade, nachdem Du zweimal hintereinander sitzen geblieben und nun mit sieben Fünfen von der Schule geflogen bist und gleichzeitig Frauke Jacobs mit Dir Schluss ge- macht hat und Du Deine Monatskarte für den Bus verloren hast, denkst, das ist das Ende, es kann nicht schlimmer werden, und Du glaubst, Du bist der einsamste Mensch auf Erden, vollkommen wertlos und verlassen, und Du Dich deshalb irgendwo auf dem fünf Kilometer langen Heimweg hinter einen Baum stellst, weil Du zum ersten Mal in Deinem Leben beten möchtest und dabei von den vorbeifahrenden Autos nicht gesehen werden möchtest und das mit dem Beten nicht klappt, und mit dem Weinen auch, dann nimm das als erstes Zeichen dafür, dass Hilfe von oben nicht zu erwarten ist und Selbstmitleid nichts nützt, sieh es als Chance.
Auch wenn Du einen Satz wie „Scheitern als Chance“ nicht verstehen wirst oder willst, es ist tatsächlich so, man kann von solchen Niederlagen auch profitieren, man macht vielleicht andere Fehler, und eigent- lich hast Du ja auch keinen Fehler gemacht, von der Schule kann man nur einmal fliegen, sei froh, dass das zu Ende ist, jetzt kannst Du arbeiten, Geld verdienen, die anderen können das erst viel später, die sind immer noch auf Taschengeld angewiesen, kauf Dir ein Mofa, dann bist Du auch nicht mehr auf den Bus angewiesen, geh gleich am Wochenende ins „Voodoo“, und sprich einfach ein Mädchen an, lad sie zu etwas ein, sag genau diese Worte: „Darf ich dich zu etwas einladen“, das klingt zwar altmodisch, aber es funktioniert, zumindest eine Zeitlang, sie fühlen sich geschmeichelt, sie gehen wahrscheinlich noch zur Schule und haben nur Taschengeld. Und sich so schnell wie möglich zu verlieben, hilft sehr gut über Liebeskummer hinweg, und wenn Dich dann Frauke Jacobs mit der Neuen sieht, die bei Dir hinten auf dem Mofa sitzt, wird sie eifersüchtig und bereut, dass sie mit Dir Schluss gemacht hat, und will wieder mit Dir zusammen sein, so hast Du plötzlich zwei Mädchen zur Auswahl.
Und das frühe Ende Deiner Schulzeit wirst Du auch bald zu schätzen wissen, nicht nur weil Du plötzlich ein Mofa hast, sondern weil Du das, was Du dort noch gelernt hättest, binomische Formeln, lateinische Vokabeln, nie wieder gebraucht hättest.
Schöne Grüße Dein Tex

Tex Rubinowitz, geboren
1961 in Hannover, zog 1984 nach Wien, um bei Oswald Oberhuber Kunst zu studieren. Nach einer Woche begann er jedoch für den Falter zu zeichnen und machte sich fortan als Cartoonist und Schriftsteller einen Namen. 2014 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis.

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