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Mit Cricket voran

Von: Matthias Fuchs

Afghanische Jugendliche haben in Graz einen Cricket-Verein gegründet. Der Erfolg gibt ihnen recht.

Ein Ast als Schläger, ein gefundener Tennisball. So fanden sich einige afghanische Burschen in einem Grazer Park zu ihrem erstem Cricket-Spiel. Sie spielten untertags, neben den anderen Parkbesucher/innen, so wie sie es aus ihrer Heimat kannten. In Afghanistan ist Cricket populär. Aber die Jugendlichen eckten an: Der Ball flog öfters auf den Kinderspielplatz. So verlegten sie ihr Trainung auf die Sonntag-Abende ab 18 Uhr, um niemanden zu stören; jetzt aber beschwerten sich die Anrainer/innen über den Lärm.
Doch dann hatten die Burschen eine gute Idee: Sie baten das Projekt „Sport, Integration, Qualifikation“ – kurz: SIQ – um Hilfe. SIQ ist ein Projekt des europäischen Flüchtlingsfonds. Jugendlichen Migrant/innen soll hier über Sport der Einstieg in die Gesellschaft erleichtert werden. Thomas Jäger von SIQ erinnert sich: „Die jungen Afghanen sind relativ verzweifelt bei uns aufgetaucht. Sie wollten unbedingt Cricket spielen und fanden keinen Platz. Die Lösung: ein eigener Verein. So organisiert wird auch die Teilnahme an Meisterschaften möglich. 2011 wurde mit Starthilfe von SIQ und dem Integrationsverein Omega der Afghan Steiermark Cricket Club (ASCC) gegründet.
Kapitän und Obmann der Mannschaft ist Pamir Zarawar Khan. 2006 floh er mit seiner Familie vor dem Krieg aus seiner Heimat Afghanistan. Damals war er 14 Jahre alt. „Mich verfolgt noch immer ein Bomben-Einschlag. Vor mir sind drei, vier Leute gestorben. Wenn ich mich daran erinnere, kann ich selbst nicht glauben, dass ich noch lebe“, erzählt Pamir. „Gott sei Dank, dass wir da sind.“ Der Vater hatte Afghanistan schon früher verlassen und holte Pamir, seine Mutter und seine Brüder nach Österreich. „Ich hatte meinen Vater damals schon seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Als er am Flughafen vor uns gestanden ist, habe ich ihn nicht erkannt“, erinnert sich Pamir. Der Anfang in Graz war schwer. Seine Freunde musste Pamir in Afghanistan zurücklassen. „Alles war neu hier, ein Jahr lang habe ich nichts verstanden“, sagt Pamir. Er besuchte die Hauptschule und fing an, Deutsch zu lernen. Jetzt ist Pamir 21 und besucht das Abendgymnasium. „Ich habe mich an Graz gewöhnt. Es ist die beste Stadt. Ich fühle mich hier sehr, sehr gut“, sagt er und lächelt breit. Beim Cricket hat er neue Freunde gefunden. Beim ASCC sind die Mitglieder zusammengewachsen und geben sich gegenseitig Halt. „Wir sind wie eine Familie“, sagt Pamir. Jeden Samstag trainiert der ASCC in der Halle des Uni-Sportzentrums.

Ein bisschen kompliziert
Cricket kommt ursprünglich aus England. Bei einem Match spielen Werfer- und Schlägermannschaft gegeneinander. Zwei Schlagmänner in der Mitte und elf Leute rundherum. Jeweils drei Holzstäbe, Wickets genannt, stehen zwanzig Meter voneinander entfernt. Der Werfer versucht, so schnell wie möglich zu werfen und das Wicket zu treffen. Der Schlagmann muss den Ball wegschlagen, die gegnerische Mannschaft versucht, den Ball zu fangen. Der Schlagmann versucht währenddessen, mit seinem Partner den Platz zu wechseln, um so Runs – und damit Punkte – zu machen. „Ein sehr interessantes Spiel, aber ein bisschen kompliziert!“, schmunzelt Pamir Zarawar Khan.
Pamir ist Schlagmann in seiner Mannschaft. Er und seine Teamkameraden machen in Schulen Werbung für ihren Sport. „Ich möchte mehr Leute zum Cricket bringen. Das Problem ist der fehlende Platz. Ohne Platz kann man niemandem zeigen, was Cricket ist“, sagt Pamir. Professionelle Cricket-Plätze gibt es in Österreich nur drei. Ohne richtigen Platz konnte die Mannschaft letztes Jahr auch nicht richtig trainieren. Trotzdem erreichte der ASCC das Semifinale der Bundesliga. Gegen Vereine, die es schon 20 Jahre lang gibt. „Obwohl die anderen Vereine richtige Plätze haben und regelmäßig trainieren. Das hat niemand geglaubt“, Pamir ist stolz. Letztes Jahr gewann der ASCC sogar die Masala Trophy, das größte österreichische Hallencricket-Turnier.
Pamir möchte auch ein gutes Beispiel für andere Afghanen in Österreich sein. Keiner der 17 Burschen beim ASCC raucht oder trinkt. „Bei den langen Matches braucht man die Energie“, meint Pamir. Noch begleiten Thomas Jäger vom Projekt SIQ und eine Kollegin von OMEGA den Club. „Wir wollen uns aber kontinuierlich zurückziehen. Die Jugendlichen sollen demnächst den Verein komplett selbst führen“, erklärt Thomas Jäger.
Ein eigener Cricketplatz ist noch nicht in Aussicht. Pamir hofft weiter darauf. „Ein Platz wäre alles. Sonst brauchen wir nichts“, sagt er. Und er hat noch ein großes Ziel: dass auch jemand aus seiner zweiten Heimat Österreich im Cricket-Nationalteam vertreten sein wird.

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