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Hinhören öffnet Räume

Von: Elisabeth Pötler

Ein Unbekannter spricht mit einer Unbekannten über seine innersten Probleme. Bei der Telefonseelsorge gilt: Anonymität schafft Vertrauen. Nun werden ehrenamtliche Mitarbeiter/innen gesucht.

Manchmal hört man die Gedanken brodeln, auch wenn aus dem Telefon nur eines dringt: Stille. Denn es gibt unzählige Arten von Schweigen: zögerliches, trauriges, wütendes oder hilfloses zum Beispiel. Hier, in dem kleinen Raum mit dem Regal voller Bücher, dem Modell-Segelboot und der Couch neben dem Schreibtisch, kennt man die Bandbreite der Wortlosigkeit. Genauso wie die Wucht der Wortschwalle, die aus dem Telefonhörer brechen, oder das Weinen.
„Telefonseelsorge, guten Tag.“
„Kann ich mit Ihnen reden?“
„Ja, ich bin jetzt da für Sie.“
„Mir geht es nicht gut. Mir geht es ziemlich schlecht.“
So ähnlich beginnen Gespräche oft. An diesem Nachmittag hat Irmgard Dienst in der Telefonseelsorge Steiermark. Wenn  emand 142 wählt, hebt sie ab. Sie sitzt am Schreibtisch mit dem schwarzen Telefon und hat Kreise auf ein Blatt Papier gemalt. Irmgard ist allerdings nur ein Codename, denn Seelsorger/innen und Anrufer/innen können in ihrer Anonymität verweilen. Das macht die Gespräche frei. In der Begegnung bestehen beide nur aus Stimme. „Ich lasse mich ganz auf den Anrufer/die Anruferin ein und bin durch nichts abgelenkt“, sagt sie. Distanz kann Nähe schaffen. Seit eineinhalb Jahren ist sie Telefonseelsorgerin. Warum? „Ich weiß, wie wichtig es ist, jemandem zum Reden zu haben.“ Ein Himmel voller Grautöne spannt sich über die Dächer und es läutet. Als Gast muss man nun den Raum verlassen. Strenge Vertraulichkeit ist ein Grundsatz. Der Inhalt des Gespräches ist nur für zwei Personen bestimmt.

105 ehrenamtliche Mitarbeiter/innen, 90 Frauen und 15 Männer, arbeiten in der Telefonseelsorge, rund um die Uhr ist jemand erreichbar. Im Vorjahr zählte man 13.745 Anrufe, knapp 38 Gespräche pro Tag. Mit wem? Jungen, Älteren, Arbeitslosen, Firmenchefs – der Gesellschaft in all ihren Facetten. „Am häufigsten sind Beziehungsprobleme in Partnerschaften und Familie“, sagt Gerhard Baldauf, Leiter der Telefonseelsorge. Viele Anrufer/innen haben auch mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen und mit Einsamkeit und Isolation. Suizidgefährdet sind ein bis zwei Prozent. In diesen und anderen Fällen wird weitervermittelt. „Wir bieten keine Therapie, stellen keine Diagnose“, betont er. „Wir schaffen Entlastung.“ Das heißt: Aktiv zuhören und gemeinsam nach ersten Schritten suchen. Besonders oft klingelt es zwischen 16 und 23 Uhr. Die Dunkelheit macht Nöte sichtbar. Oft geht es um Schuld, versteckte Emotionen. „Das Nachtgesicht der Gesellschaft“, nennt es Baldauf. Tagsüber werden Sorgen von Alltäglichkeiten übertönt, nachts werden die Gedanken lauter, beginnen zu kreisen.
Eine Frau rief aus dem Auto an, redete sich die Verzweiflung über ihren Mann, der sie betrügt, rasend schnell vom Leib. Die Seelsorgerin hört zu. Die Anruferin: „Sie sagen ja nichts!“ „Ich wollte Sie nicht verlieren.“ „Sie sind ein Engel.“
„Die Beziehung zum Anrufer ist fragil“, sagt die Psychologin Ursula Sengl, die als Seelsorgerin und in der Ausbildung der Kollegen aktiv ist. Zu jedem Zeitpunkt könnte der/die Unbekannte auflegen, der Gesprächsfaden reißen. Der Seelsorger bzw. die Seelsorgerin muss den sicheren Rahmen schaffen, den Raum, in dem der Anrufer bzw. zur Anruferin seine innere Landschaft ausbreiten kann. Oft ist sie zerklüftet, felsig oder öd. Wie man sich dort begegnet? „Man gibt keine Ratschläge, man ist da. Der Anrufer bzw. die Anruferin soll sich verstanden fühlen.“ Man hört zu. Vorbehaltlos.

Nun sucht die Telefonseelsorge ehrenamtliche Mitarbeiter/innen. Im Oktober startet der nächste Ausbildungslehrgang. „Bis 15. März kann man sich bewerben“, sagt Baldauf. Was ein/e Seelsorger/in braucht? „Psychische und physische Stabilität.“ Und eine innere Haltung: Man muss offen sein, einfühlsam, darf die Welt aber nicht aus den Angeln reißen wollen. Der einjährige Lehrgang ist kostenlos, dafür übernimmt man drei Jahre lang je zwölf Stunden Telefonseelsorge pro Monat.
Irmgards Dienst ist zu Ende, sie kommt aus dem Seelsorgezimmer an den Küchentisch. Fast wirkt sie herausgeschlüpft aus ihrer alltäglichen Identität. Blick und Stimme sind weich, alle Sinne auf Empfang ausgerichtet. Das Sich-ganz-auf-jemanden-Einlassen wirkt nach, flutet den Raum. Ihre Nachfolgerin geht Richtung Schreibtisch. Das Telefon läutet.

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