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Weltmeisterschaft ohne Gewissen

Von: Moritz Ablinger

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien ist die teuerste der Geschichte. Ohne Hemmungen geben Staaten Geld aus, wenn es der Fußball-Weltverband FIFA verlangt. Doch die Menschen bleiben auf der Strecke.

Die FIFA hat eine Mission. „Das Spiel entwickeln, die Welt berühren und eine bessere Zukunft gestalten“, so die 2007 ausgegebene Devise des Fußball-Weltverbands. Mit dem weltumfassenden Fußballsport im Rücken hat sie die Möglichkeit, die ganze Welt zu erreichen. Kein anderes Sportevent verfolgen so viele Menschen wie die Fußball-WM. 715 Millionen Menschen sahen das WM-Finale 2006 in Berlin. „Nichts bringt uns der imaginären Weltbürgerschaft näher als eine Fußball-WM“, sagt der britische Fußballsoziologe David Goldblatt. Und nichts bringt uns den globalen Einfluss der FIFA näher als eine Weltmeisterschaft. Die WM 2010 ließ sich der südafrikanische Staat 3,3 Milliarden Euro kosten, fast 29 Milliarden werden für das Turnier dieses Jahr in Brasilien ausgegeben. Ein Umstand, der die Brasilianer/innen auf die Straßen treibt: 300.000 Menschen demonstrierten letzten Sommer in Rio de Janeiro, auch im Vorfeld der WM reißt die Protestwelle nicht ab. Denn selbst die fußballverrückten Brasilianer/innen können sich nicht über Investitionen in neue Stadien freuen, wenn die Krankenhäuser im eigenen Land fehlen, die Mieten explodieren und der öffentliche Verkehr marode ist. Der Fußballweltverband hat indes keine finanziellen Probleme. Knapp 1,4 Milliarden Dollar erwirtschaftete er im Jahr 2013. Alleine 601 Millionen verdiente er durch den Verkauf der Fernsehübertragungsrechte für die WM in Brasilien. Die FIFA berührt nicht nur die Welt, sie macht vor allem auch Geld.

Wüste Probleme
Trotz finanziellem Erfolg hat die FIFA momentan Schwierigkeiten mit ihrem größten Turnier. 2022 wird die Fußball-WM im Wüstenstaat Katar stattfinden. Zwar wurde die Vergabe in das Emirat schon bald wegen der klimatischen Bedingungen kritisiert, im September 2013 erreichte die Aufregung aber eine neue Ebene. Eine Reportage der englischen Tageszeitung „The Guardian“ enthüllte die katastrophalen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen, an denen die Infrastruktur für die Weltmeisterschaft entsteht. Bis zu zwölf Arbeiter/innen müssen sich fensterlose Zimmer teilen, die wenigen sanitären Einrichtungen sind verschmutzt. Der internationale Gewerkschaftsbund „ITUC“ schätzt, dass bis zur WM 4000 Bauarbeiter in Katar sterben werden. Zunächst erklärte die FIFA um Langzeitpräsident Joseph Blatter, man könne sich als Weltverband nicht in die Angelegenheiten einzelner Staaten einmischen, denn dazu fehle es ihr an Macht. Im November letzten Jahres änder-te Blatter seine Meinung: Die Situation im Wüstenstaat sei doch untragbar. Einige FIFA-Funktionär/innen distanzierten sich offen von den Praktiken im Wüstenstaat, das deutsche FIFA-Vorstands-mitglied Theo Zwanziger bezeichnete die Vergabe dorthin als einen der größten Fehler, den es im Sport jemals gegeben habe. „Die FIFA muss den Druck auf Katar beibehalten“, sagt Tim Noonan, Kommunikationschef des Gewerkschaftsbundes „ITUC“. „Grundle-gendes hat sich dort noch nicht zum Positiven gewendet.“ Alleine im Jänner 2014 starben wieder 24 Bauarbeiter in Katar.

Altbekanntes
Die Tragödie in Katar ist in ihrer Dimension neu, arbeitsrechtliche Unzulänglichkeiten aber sind schon länger Begleiter der Weltmeisterschaften. Schon bei der WM 2010 in Südafrika streikten zahlreiche Bauarbeiter/innen, um auf die schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Damals ließ die FIFA wissen, dass sie sich nicht in landesinterne Streitereien einmischen wolle. Anders als in Katar stieß sich damals aber niemand an dieser Formulierung. In Russland fällt aber anscheinend selbst dem Fußball-Weltverband die Nicht-Einmischung schwer. Auf Vorschlag der FIFA wurden vergangenen Sommer im Gastgeberland der nächsten WM im Jahr 2018 zahlreiche arbeitsrechtliche Bestimmungen reformiert. Zum Positiven. Die FIFA hat eben nicht nur die Macht, die Welt zu berühren, sie kann die Welt sogar verbessern. Leider passiert das nur viel zu selten.

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