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Irritierende Wahrnehmung

Von: Roswitha Jauk

Zu Besuch bei Emil Breisach, der von frappierenden neuen Erscheinungen in seinem Leben berichtet.

Vor rund einem Monat hat die Akademie Graz einen Eintrag auf Facebook gestellt: „Emil Breisach stellt das Thema ‚Erscheinungen‘, mit dem sich sein neuester Text befasst, zur Debatte. Der Autor freut sich über Zuschriften von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen.“ Spontan begann ich zu lesen. Eine Neugier, vielleicht eine spezielle, und mit Sicherheit eine auf zwei Ebenen, hatte mich erfasst. Die erste Ebene fragte danach, was das Wort Erscheinungen wohl meinen mag. Die zweite setzte nach der Lektüre der Einleitung und der in kurzen Episoden nacherzählten Erlebnisse Emil Breisachs ein und bezog sich auf den Autor selbst: Was ist das für ein Mut, der aus dieser Aktion spricht? Mich interessierte dieser sachliche, unaufgeregte Zugang zu einem Phänomen, das sonst wohl weit weg von intellektuellen oder alltäglichen Schauplätzen stattfindet. Oder möglicherweise selbst dort nicht stattfindet. Denn, wie es aussieht, ist Emil Breisach allein mit seinen Erlebnissen. Das erfahre ich bei einem Besuch in seinem Haus im üppig grünen Mariatrost, in das er mich per Handy lotst. Die „Erscheinungen“ – das Wort sei lediglich ein Hilfsausdruck, erzählt er – hätten ihn vor rund drei Jahren „völlig unvorbereitet überrascht“; mehrere Freunde, die das Ungewöhnliche dessen, was er ihnen erzählt hat, mit Interesse aufgenommen haben, hätten ihn aufgefordert, seine Erlebnisse schriftlich festzuhalten. Das hat er getan, so präzise wie möglich und ohne sich irgendwelche poetische Ergänzungen zu gönnen.

Eine andere, zweite Welt
Die erste „Erscheinung“ ist im Kapitel „Der blutige Arm“ geschildert, die zweite ist übertitelt mit „Der Mann mit dem grünen Jackett“, andere heißen „Die wilden Tiere“, „Das runde Etwas“, „Das sprechende Wesen“, „Der Klopfgeist“. So unterschiedlich die Begebnisse auch waren, Emil Breisach hat sie (obwohl einige davon ihn sehr erschreckt haben) mit zunehmender Neugier betrachtet. Neugier deshalb, weil die Wahrnehmungen, in die er da fallweise verstrickt wurde, denkbar rätselhaft für ihn waren – und eigentlich bis heute sind. Ganz sicher ist er sich nur darüber, dass die Szenen, die er wahrnehmen (sehen, hören oder auch körperlich fühlen) konnte, allesamt keinen Bezug zu seinem realen Leben, seinen Träumen oder Erinnerungen haben. Eine Ordensschwester in voller Tracht, die gleichzeitig mit der Enkelin ins Haus marschiert und hinter dem Fernseher wieder verschwindet. Ein Germanist, der sich über Breisachs frische Gedichte beugt und im Schein des angeknipsten Nachttischlichts in Nichts zerbröckelt. Eine einnehmende Frau, die an den Spiegel an seiner Schlafzimmerwand tritt und sich darin selbst erkennt. Alle hatten sie entweder die „geisterhafte Gabe, durch reale Gegenstände nicht in ihrer Aktion behindert zu sein oder je nach Belieben bei persönlicher Anrede oder Einschalten des künstlichen Lichts zu verschwinden, Körperkontakt zu vermeiden oder zu suchen und nur in einem Fall [Anm. Red.: die Frau am Spiegel] zu zeigen, dass sie der Sprache mächtig sind“.

Ich bin ratlos und frage, obwohl ich mir denken kann, dass Emil Breisach nach einem langen Leben über die Potenziale unseres Bewusstseins Bescheid weiß, Träume, Tagträume, Fantasie, Halluzinationen und Einbildungen voneinander unterscheiden kann, ob es sich bei diesen Erscheinungen nicht doch um Facetten unseres „normalen“ Bewusstseins handeln könne. „Nein“, ist seine Antwort. Deshalb spreche er im Untertitel – wieder ein Hilfsausdruck – auch von „Wahrnehmungen des zweiten Bewusstseins“. Emil Breisach kann es sich nicht anders erklären, als dass es sich um eine andere, zweite Welt handeln muss, die parallel zu der allgemein erlebten existiert. „Ich zweifle nicht daran, dass alles Fakten sind.“ Genau deswegen ist auch der Wunsch groß, diesem „unglaublichen Geheimnis“ doch noch mehr Informationen zu entlocken und möglicherweise über die Öffentlichkeit jemanden zu finden, der von ähnlichen Wahrnehmungen zu berichten weiß. Erklärungen oder Antworten hat Emil Breisach bisher nämlich kaum gefunden. „Zwar sagen Kinderärzte und Psychologen, dass manche Kinder Gespielen, die Erwachsenen nicht sichtbar sind, mit Namen nennen und mit ihnen vertraulichen Umgang pflegen, doch Berichte von Erwachsenen gibt es nicht.“ Sind die Erscheinungen nun Bereicherung für Emil Breisachs Leben oder doch eine Bürde? Und was bedeutet es, allein mit seinen Wahrnehmungen zu sein? „Ich würde nicht sagen, dass ich keine Angst habe“, sagt er. Aber die Neugier ist nach rund 20 oder 30 Erscheinungen, manche davon waren zauberhaft, erheiternd und sogar zärtlich, das Wesentliche. Zu gern würde Emil Breisach in einen verbalen Dialog mit diesen Wesen treten, um „zumindest die primitivste Neugier zu befriedigen“. Bisher blieben alle Versuche vergeblich. „Und es gibt auch eine gewisse Hoffnung, dass jemand den Mut findet, sich ebenfalls zu diesem Thema zu äußern. Es ist ja vermessen und einfach lächerlich zu glauben, dass ich der Einzige bin.“

Emil Breisachs Text „Erscheinungen“ finden Sie auf
www.akademie-graz.at

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