Zur Startseite MEGAPHON

Vom Cola- zum Kunstschaum

Von: Evelyn Schalk

Das Künstler/innenkollektiv Schaumbad hat mit seinem freien Atelierhaus eine Grazer Odyssee hinter sich. Sowohl eine bürokratische als auch eine räumliche. Jetzt sind sie – hoffentlich für möglichst lange – angekommen und präsentierten zwischen Waschbeton, Stahlverstrebungen und rohen Ziegelwänden bereits eine erste Werkschau. Weitere Einblicke gibt‘s im Frühling.

Über 2200 m² Fläche, wovon die Halle allein 1100m² misst, trotzdem entdeckt man es nicht auf Anhieb. Man muss sich schon auf den Weg machen, aus der überschaubaren Innenstadt und den gentrifizierten Kreativvierteln gen Süden, raus ins Industriegebiet. Vorbei am Schlachthof, Richtung Fernheizwerk auf die Puchstraße. Dort zweigt man ab, wird von zahlreichen LKW überholt, die den täglich anfallenden Müll der Stadt Richtung Entsorgung karren, überquert den Mühlbach, der lauschig zwischen Parkplätzen und Asphaltwüsten dahinfließt – und steht unvermittelt vor dem Eingang zum neuen Schaumbad.
Den Namen hat man von der ersten Wirkungsstätte mitgenommen, dem ehemaligen „Bäderparadies“ hinter dem Hauptbahnhof. Dort wurde 2005 das Schaumbad – Freies Atelierhaus Graz gegründet. Nach Jahren mühseliger Gebäudeadaptionen, in die Zeit, Geld und Energie flossen, wurde dieses vom Besitzer verkauft und die Künstler/innen saßen wieder auf der Straße. Es folgten eineinhalb Jahre rastloser Kunstwanderschaft, doch nun ist man wieder angekommen. Am Konzept des freien Atelierhauses hat sich nichts geändert. „Es fehlen in Graz nach wie vor leistbare Räume für Künstler/innen“, so Eva Ursprung, eine der treibenden Kräfte im Schaumbad-Universum. Ungefähr die Hälfte der tatsächlich anfallenden Kosten des Atelierhauses wird durch Förderungen abgedeckt, für den Rest müssen die Atelierbenützer/innen selbst aufkommen.

Raumangebot und Platzmangel
Selbstverwaltete Atelierhäuser gibt es auch in anderen Städten, etwa in Mailand, Glasgow, Hamburg oder Dortmund, Vertreter/innen waren zum Eröffnungssymposium zu Gast in Graz. Der Bedarf ist überall derselbe: Arbeitsräume, die gleichzeitig Begegnung, Interaktion, Spontaneität ermöglichen. Unmittelbar umsetzen zu können, was einem gerade unter den Nägeln, dem Meißel, der Tastatur oder der wo auch immer brennt. Raum zum Experimentieren, Diskutieren, gemeinsames Arbeiten oder Rückzugsort zum ungestörtes Nachdenken, Entwickeln, Produzieren. Das ist kaum wo selbstverständlich. Im Schaumbad schon. Seifenblasen und Kunst liegen nahe beieinander.
Da wird die Theaterperformance geprobt, während nicht weit davon Skulpturen entstehen. Da werden Bilder präzise platziert, Videos geschnitten und Installationen ausgetestet. Alles neben-, unter- und sehr vieles auch miteinander. Derzeit sind 32 Künstler/innen in 20 Ateliers im Schaumbad tätig – und der Bedarf nach mehr Raum ist nach wie vor groß. „Wir haben zwar Platz, aber in der offenen Halle erschwert die gegenseitige Lärm- und Staubbelästigung das Arbeiten“, so Ursprung. Daher hat man bereits begonnen, einen Abschnitt zu unterteilen und Einzelateliers einzuziehen. „Die Räume selbst müssen schleunigst gebaut werden – wenn wir es uns leisten könnten.“ Dann könnte das Schaumbad auch noch ein paar Leute mehr aufnehmen. Doch derzeit ist man auf der Suche nach Sponsor/innen. Fenster, Türen, Fußböden, Schließsysteme, gebraucht wird de facto alles.

Heuer im Frühjahr wird es wieder eine Jahresausstellung geben, man darf gespannt sein, in welchem Stadium sich das Haus dann befindet. Für Herbst plant man das Projekt „Puchviertel“, in dem sich die Künster/innen mit dem Areal, in dem man sich niedergelassen hat, auseinandersetzen wollen.

Tag der offenen Ateliertür ist im Schaumbad derzeit jedenfalls täglich, wenn auch eher unfreiwillig. Denn die Arbeitsbereiche sind, ausgenommen die Räume der ehemaligen Büros, oft nur durch, zwei, drei Ziegelwände abgeteilt. Von der Galerie, die bei Veranstaltungen zum Barbereich umfunktioniert wird, lässt sich nahezu die gesamte Halle überschauen. Produktionsprozesse konnten von hier aus jedoch schon viel früher überblickt werden. Denn bevor das Schaumbad eingezogen ist, wurde da, wo jetzt Ausstellungen gezeigt werden, Coca Cola abgefüllt. Die Präsenz der kapitalistischen Marke schlechthin wurde von einer kollektiven Künstler/innenvereinigung abgelöst – wenn das kein Zeichen ist. Die Beschaffenheit der Örtlichkeit wurde von den Künstler/innen übrigens genau unter die Lupe genommen. „Die Rinnen im Fußboden sprechen dafür, dass die Halle extra zum Pritscheln gebaut wurde“, so Ursprung. Das Schaumbad setzt also einmal mehr seine fluide Geschichte fort.

Zu diesem artikel sind noch keine Kommentare vorhanden

MEGAPHON behält sich das Recht vor, veraltete Beiträge ebenso zu entfernen, wie Beiträge, die rechtlich bedenklich oder politisch unkorrekt sind, und kontrolliert in unregelmäßigen Abständen den Inhalt. Dennoch übernimmt die Redaktion für den Inhalt der einzelnen Kommentare keinerlei Verantwortung!

    Zum Seitenanfang   Zur Druckansicht   HOME  |  IMPRESSUM  
e-dvertising - Werbung, Webdesign, CMS, Fullservice
(Partner/Förderer)
(Anzeigen)