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An der schönen blauen Mur

Von: Eva Schlegl

Die Mur ist ökologisch intakt. Wird sie das auch bleiben? Oder wird sie untergehen? Werden sich Gondeln erheben oder Flöße fahren?
Werden wir unter der Hauptbrücke eislaufen oder weiterhin einfach nur ein bisschen an ihr entlanggehen können?

Es ist grau, es ist trostlos, es ist kalt. Die Sonne schafft es nicht, durch die dicke Wolkenschicht zu blinzeln. Und auch der Jogger, der mir auf der Murpromenade unweit der Hauptbrücke entgegenkommt, ist trotz seiner knallig gelben Jacke kein Lichtblick. Im Sommer, in jenen paar Wochen, in denen es in Graz auch am Abend angenehm warm ist, wird die Murpromenade hier, an dieser Stelle, zur Partymeile. Chillen bei Beachfeeling. Den Rest des Jahres fließt die Mur fad vor sich hin. Früher hat sie zusätzlich gestunken. Bis Mitte der 1980er Jahre musste sie den wenig schmeichelhaften Titel „schmutzigster Fluss Europas“ tragen. Das Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit mit viel Industrie und – speziell an der Mur – mit noch mehr Papierindustrie hinterließ täglich unsaubere Spuren. Erst als Bund, Land und Stadt Milliarden (Schilling) in die Hand nahmen, wurde aus Wasser-Güteklasse IV Güteklasse II. Aus ökologischer Sicht ist die Mur heute intakt. Wäre noch mehr drinnen?
Ja, sagen die Befürworter/innen des geplanten – und zurzeit auf Eis gelegten – Kraftwerksbaus. Durch das Aufstauen könnte ein vollkommen neues Naherholungszentrum mitten in der Stadt entstehen. Die Fließgeschwindigkeit würde sich maßgeblich verlangsamen, eventuell würde die Mur sogar zum „stillen See“, der im Winter zufriert. Eislaufen unter der Hauptbrücke? Die Gegner/innen des Kraftwerkes haben andere Überlegungen. Die intakte Mur käme durch das unnatürliche Aufstauen ordentlich aus dem Takt, sagen sie. Das Hin und Her, das Für und Wider wird wohl auch in Zukunft wieder einmal aufs Tapet kommen. Derzeit ist es vom Tisch, denn die Staustufe wird vorerst nicht gebaut. Die momentanen Marktbedingungen machen das Projekt unrentabel, so die potenziellen Betreiber Energie Steiermark und Verbund.
Realität ist, dass wir Menschen das Wasser suchen, uns am Wasser wohl fühlen. Auf Wasser zu schauen beruhigt, gleichzeitig stärkt es. Diese Erfahrung hat auch Florian Weitzer gemacht, als er mit einem Kanu von der Weinzödelbrücke bis zum Entenplatz gepaddelt ist. „Unten, direkt am Wasser, hat man plötzlich ein ganz anderes Gefühl“, sagt der Hotelier. Dieses Gefühl will er auch anderen vermitteln. Gemeinsam mit Rudi Lackner, dem Chef des Café Kaiserfeld, hat er daran gedacht, eine Art Floß zu installieren, mit dem man über die Mur übersetzen kann. Doch auch diese Pläne liegen derzeit auf Eis. Nachdem sein Projekt eines frei zugänglichen, konsumationsfreien Gastgartens an der Mur nach anfänglicher Begeisterung von den Stadtverantwortlichen letztlich abgewürgt wurde, hält sich Weitzer zurück.

An Bord, bitte.
Andere haben andere Visionen. Bürgermeister Siegfried Nagl will eine Murgondel, die hoch über dem Fluss Passagiere befördert. Auch ein Murschiff war einmal Thema. Als Veranstaltungs- oder Ausflugsboot. Ich sehe schon die unzähligen bunten Glühlampen der Schiffe über das Wasser gleiten. So wie in Paris oder London. Vor 125 Jahren hat es auf der Mur Dampfer gegeben. Die „Styria“ und die „Graz“ fuhren mit Passagieren an Bord das Grazer Stadtgebiet auf und ab. Die Murschifffahrt nahm jedoch ein so jähes wie schreckliches Ende. Schon wenige Monate nach der Jungfernfahrt rammten sowohl die „Styria“ als auch die „Graz“ innerhalb nur weniger Tage die Radetzkybrücke, was sechs Menschen das Leben kostete. Das Kapitel der Passagierschifffahrt wurde wieder geschlossen.
Geblieben ist, dass die Mur Graz in zwei Hälften teilt, in die rechte und die linke Murseite. Die fließende und dennoch so starre Grenze lässt sich nur langsam aufbrechen. Erste Anzeichen: Die rechte Murseite ist zwischen Mariahilferplatz und Entenplatz in den vergangenen Jahren zum belebten und beliebten Viertel geworden. „Mein einstiger Schulweg ins Pestalozzi-Gymnasium führte die Mur entlang. Im Vergleich zu damals ist heute vieles anders“, erinnert sich Florian Weitzer zurück. „Der Entenplatz zum Beispiel ist mit seiner neuen Architektur, dem Springbrunnen und der neuen Gestaltung richtig aufgeblüht. Die Mur und der Kai haben sich verbessert“, so Weitzer. Doch er setzt nach: „Jetzt müsste es weitergehen, jetzt müsste sich noch mehr entwickeln.“ Das ist derzeit leider nicht der Fall. Die Mur ist ins Stocken geraten.

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