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Kopf hoch!

Von: Matthias Fuchs

Diagnose: Krebs. Von einem Moment zum anderen ist nichts mehr wie zuvor. Die Perücken von Gudrun Schinagl helfen dabei, mit den äußeren und inneren Folgen der Erkrankung umzugehen.

Ein großer, hoher Raum voller Perücken auf Modellköfen, Hauben und Schals hängen auf den Ständern, Körbe voller bunter Tücher. Ein gemütliches Sofa. Viel pink. Gudrun Schinagl bietet Tee oder Kaffee an und hört zu. Die Menschen, die zu ihr kommen, sind meistens Frauen. Sie haben ihre Diagnose bekommen. Krebs.
Das kann den Tod bedeuten. Damit müssen die Betroffenen erst einmal selbst fertig werden. Es Verwandten, Freund/innen beibringen. Klarheit schaffen. Bald beginnt die Chemotherapie. Das bedeutet, ihre Haare werden ausfallen. Nicht nur das Kopfhaar, auch Augenbrauen und die Wimpern. Aber jeder/jedem auf der Straße erklären, warum man keine Haare am Kopf hat; kahl ist? Das ist schwierig.
„Der Schock, dass man jetzt eine Glatze bekommt und dann eine Perücke braucht, ist groß. Perücken verbindet man immer mit Verkleidung, mit Fasching. Deswegen ist da schon eine Hemmschwelle. Aber niemand möchte sich verkleiden. Man will normal auftreten“, erklärt Gudrun Schinagl. Darum gibt es ihre Perücken. Sie können helfen, einfacher mit der Diagnose Krebs umzugehen. Daher werden die Perücken auch von der Krankenkasse bezahlt. Sie sind Heilbehelfe, ähnlich wie Prothesen.

Zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung kam Gudrun Schinagl, als ihre 14-jährige Cousine an Krebs erkrankte. „Bei uns sind alle alt geworden und dann ist plötzlich ein Kind schwer krank geworden, das war fürchterlich.“ Sie begleitete ihre Cousine fast zwei Jahre lang bei ihren Spitalsaufenthalten. Das Thema Krebs beschäftigte sie weiter. Gudrun Schinagl lernte Friseurin und Perückenmacherin und fing in einem Friseursalon zu arbeiten an. „Dann sind immer Damen gekommen und haben gefragt, ob es Perücken für Chemopatienten gibt. So bin ich darauf gekom-men“, erzählt sie. Inzwischen arbeitet sie seit 18 Jahren mit Perücken für Chemopatientinnen. Seit vier Jahren ist Gudrun Schinagl mit ihrem Geschäft „Einhaar“ selbstständig.
Meistens kommen die Frauen auf Empfehlung der Ärzt/innen zu Gudrun Schinagl. Sie erklärt genau, was auf sie zukommt. Einfühlsam, klar, respektvoll. Sie weiß, was passiert, wenn die Haare ausgehen. Bei einer Kundin beginnt morgen die Chemotherapie. „Nach etwa 14 Tagen merken Sie’s, wenn man die Haare föhnt. Dann kommt ein Wurlen wie von Ameisen, das ist auch ein Zeichen, dass man kurz vorm Haarausfall ist.“ Sie zeigt auf einem digitalen Bilderrahmen Fotos; vorher/nachher. Wie könnte man aussehen? Dann wird zum ersten Mal eine Perücke ausprobiert. Gudrun Schinagl zieht ein Netz über den Kopf der Kundin und setzt die Perücke aus Kunsthaar auf; rückt und zupft zurecht, schaut kritisch, fragt nach. Die Dame sieht anders aus, wie frisch vom Friseur.
Wichtig ist, dass die Patientinnen früh genug kommen, bevor die Haare ausfallen. „Ich muss die letzte Frisur sehen, zum Anpassen. sonst weiß ich nicht, welche Haarfarbe sie gehabt haben. Ich will die Damen ja nicht verkleiden, sondern ihr Persönlichkeitsbild festhalten. Es geht um eine natürliche Optik“, erklärt Gudrun Schinagl. Dann spricht die Stylistin. Sie sucht Perücken aus, die den Frauen entsprechen in Länge, Dichte und Haarfarbe, empfiehlt Schals, die dazu passen.
Eine Maßanfertigung von Perücken dauert neun Wochen. Das ist teuer. Obwohl sie es gelernt hat, stellt Gudrun Schinagl daher keine Perücken selbst her, sondern bezieht sie von sechs verschiedenen Firmen, um eine große Auswahl anzubieten. „Ich bin dann die, die das gute Stück dorthin bringt, wo es hingehört, auf den Kopf. Hoffe ich zumindest!“, sagt sie und lacht. Perücken gibt es aus Kunst- und aus Echthaar. Kunsthaar wird öfter verkauft, das ist leichter zu pflegen und billiger. 400 bis 500 Euro kostet eine Perücke aus Kunsthaar, Echthaar startet bei etwa 900 Euro. Die Perücke muss leicht aufzusetzen sein: Viele Frauen haben Brustschmerzen wegen der Tumorerkrankung und können daher die Hände nicht heben. Gudrun Schinagl übt das Aufsetzen mit ihren Kundinnen.
Wenn die Haare beginnen, auszufallen, kommen die Chemopatientinnen noch einmal zu Gudrun Schinagl ins Geschäft „Einhaar“. Dann müssen die letzten Haare abrasiert werden, die Perücke wird angepasst, zugeschnitten und auch Nachschminken von Augenbrauen erledigt Gudrun Schinagl. Und wenn eine Frau geheilt ist, wird der erste Haarschnitt ebenfalls bei ihr erledigt.

Es ist ihr Traumberuf. Die Perücke selbst rückte mit der Zeit aber in den Hintergrund. Die Stylistin ist auch Idealistin: Gudrun Schinagl gründete vor drei Jahren einen Verein mit, der Frauen mit Brustkrebs bei der Bewältigung ihrer Erkrankung unterstützt. Diese Arbeit hilft ihr auch in ihrem Perückengeschäft, sie weiß Bescheid und kann Kontakte vermitteln. An der Theke im Geschäft kleben Dankeskarten von Kundinnen. Von Frauen, die geheilt wurden, aber nicht nur, erzählt Gudrun Schinagl: „Auch wenn eine Frau an Krebs gestorben ist, kommen manchmal Ehemänner mit Blumen vorbei und bedanken sich."

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