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Im Rhythmus der Webstühle

Von: Anita Raidl

„Crossing Fashion“ ist ein interkultureller Dialog auf textiler Ebene. Zusammen mit Designer/innen aus Sri Lanka verweben Bettina Reichl und Co. traditionelle Handwerkskunst mit Innovation und Nachhaltigkeit.

Gleichmäßiges Klopfen, Holz auf Holz. Tak tak tak tak! Bettina Reichl erinnert sich an die Geräusche der Web-stühle, deutet mit Armen und Beinen die Kunstfertigkeit der Weber/innen an. Alles im gleichmäßigen Takt. Tak tak. „Crossing Fashion – Sustainable Sri Lanka“, ein Projekt des Afro-Asiatischen Instituts Graz und Pell Mell, führte Reichl und ihre Designer-Kolleginnen Anita Steinwidder und Konstanze Baumgartner im Herbst 2013 nach Sri Lanka – in den Regenwald und über lehmige Straßen hin zu kleinen Häusern und Schuppen. „Du hörst es klopfen, gehst weiter und bemerkst: Alle im Dorf weben“, erzählt Reichl. „Eine wunderschöne, wahnsinnig kreative Welt.“
Seit nunmehr zehn Jahren taucht sie mit „Crossing Fashion“ in spannende Textilwelten ein, tauscht mit Designer/innen aus Ländern wie Kuba oder Niger Schnitte, Materialien und Erfahrungen aus. „Die Begegnung mit fremden Kulturen ist irrsinnig bereichernd und inspirierend“, sagt sie. Diesmal, im fünften Crossing-Fashion-Projekt, ließen sich die Designerinnen von nachhaltiger, traditioneller Handwerkskunst in Sri Lanka inspirieren. Partnerin vor Ort war die Academy of Design in Colombo. „Die Designakademie arbeitet intensiv mit den Weberdörfern zusammen, das hat mir von Anfang an gefallen“, so Reichl, die auch künstlerische Leiterin des Projekts ist. Designer/innen und Studierende der vor mehr als zehn Jahren gegründeten Akademie lassen ihre schlichten, zeitgemäßen Entwürfe von den Weber/innen umsetzen. „Die traditionellen Muster werden durch neue Designs aufgepeppt, das erschließt neue, ungeahnte Geschäftsfelder“, berichtet Reichl und ergänzt: „Die Designakademie gibt den Weber/innen die Chance, bei ihrem Beruf bleiben zu können.“

Auf Tuchfühlung
Für die Projektwochen im tropischen Inselstaat nahe Indien nahmen die österreichischen Designerinnen jede Menge Enthusiasmus, aber auch pflanzengefärbte Stoffe, Loden, Leinen und die High-Tech-Zellulose-faser „Tencel“ mit. Vor Ort arbeiten sie mit drei sri-lankischen Designer/innen – Lonali Rodrigo, Nithya Lamahewa und Prabath Samarasooriya – zusammen, lernten Handwebe- und Handbatik-Techniken, traditionelle Spitzenerzeugung sowie die Palmflechtkunskennen. Und gingen auf Tuchfühlung. „Konstanze Baumgartner hat mit den Weber/innen sofort Ideen ausprobiert“, erzählt Reichl. „Und Anita Steinwidder hat einfach Probestücke aus den Weberdörfern und allerlei Stoffreste gesammelt, hat geknüpft, geflochten, ihre Modelle mit bloßen Fingern geschaffen.“
Die sri-lankische Designerin Lamahewa entwarf „Wintersaris“ für kältere Klimaregionen und kombinierte für ihre Hemden Leinen mit Loden. „Das Schöne dabei ist, dass Nithya Lamahewa zeigt: Loden ist ein sehr feiner Stoff. Bei uns glaubt man ja oft, dass Loden aus-schließlich dick, filzig und kratzig ist“, so Reichl.

Nachhaltige Rollenspiele
„Welche Rolle können zwei so kleine Länder in der globalen Bekleidungswelt spielen?“, fragte sich Reichl zu Projektbeginn und sagt: „Es gibt in beiden Ländern spezielle Ansätze, sei’s die Alpenregion, die den Loden hervorgebracht hat, oder Sri Lanka mit den Handwerkstechniken.“ Im wetterfesten, hauchdünn produzierten Loden sieht die Designerin großes Innovationspotential in Richtung natürlicher Freizeitbekleidung: „Das kann ganz erkennbar österreichische Mode werden.“ Und nachhaltig ist der Lodenstoff ob seiner langen Haltbarkeit allemal. Apropos Nachhaltigkeit: „Idealerweise nützt man regionale Rohstoffe, macht daraus ein hochwertiges Produkt mit den Menschen, die vor Ort leben, und verkauft das dann weltweit“, fasst Reichl ihr Nachhaltigkeitskonzept in Worte. Die Designakademie in Colombo setzt dieses Konzept um, verwendet regionale Rohstoffe, verarbeitet diese mit Handwerker/innen in Zusammenarbeit mit heimischen Designer/innen unter fairen Arbeitsbedingungen, verkauft zum Teil auch ins Ausland.
In ihrer eigenen Crossing-Fashion-Kollektion beschäftigt sich Reichl mit handgewebten, pflanzengefärbten Stoffen und dem Thema der natürlichen Kreisläufe. Ihre Kreationen wie auch die Kollektionen der fünf anderen am Projekt beteiligten Designer/innen wurden im Rahmen des Designfestivals in Colombo im Oktober letzten Jahres erstmals präsentiert. In Graz werden sie Anfang Februar am Laufsteg zu sehen sein: Im Wechselspiel mit Filmportraits der Designer/innen. Im Rhythmus der Musik und im Rhythmus der High Heels. Tak tak tak tak!

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