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Verdammt am Strom

Von: Denise Hruby

Folgenschweres Staudammprojekt: Am Mekong in Südostasien wird die Lebensgrundlage von mehr als 60 Millionen Menschen gefährdet.

Während der Monsunmonate verdunkelt sich der Himmel über dem kleinen Binnenstaat Laos täglich. Es scheint, als ob der Regen von oben, von unten und von allen Seiten kommt. Der Wasserstand des Mekong, der sich vom Norden bis in den Süden des Landes erstreckt, ist dann so hoch, dass er Inseln, oft Dörfer und sogar ganze Bezirke überschwemmt. Wie auch Kampei Samneangs Holzhütte. Sie ist eine der wenigen, die so nahe am Mekong gebaut ist und trotzdem nicht auf meterlangen Pfosten schwebt. Sechs Monate lang ist sie deshalb ständig überschwemmt. Dann bindet Kampei das gesamte Hab und Gut der Familie in Netzen an die Decke. Jahr für Jahr. Stören würde das gar nicht, meint der hagere 50-Jährige. „Wir leben ja vom Mekong. alle hier. Wir essen die Fische, die wir fangen, und verkaufen sie am Markt. Was würden wir sonst tun, ohne den Fluss?”
Wer am Mekong geboren ist, wird Fischer. Das war schon immer so und werde auch immer so bleiben, da sind sich die Bewohner/innen der so genannten „4000-Insel-Region“ einig. Obwohl es in der Tropenidylle immer mehr Rucksacktourist/innen zu beherbergen gilt, lehren laotische Väter ihre Söhne noch immer von klein auf die alte Kunst der Fischerei. Kampeis Frau knüpft die Netze. Dafür ist das Bauen der traditionellen „Ly“-Fallen zum Fischen wieder Männersache. Bambus wird dazu aus den umliegenden Regenwäldern gehackt und zu langen Körben geflochten, die später in Stromschnellen gesetzt und fixiert werden.
Zwei Euro pro tag verdienen Familien damit während der Monsunzeit. Die großen Fische werden am Markt verkauft – Karpfen, Rochen und Welse, aber sogar Frösche und Schlangen werden dort angeboten. Die kleinen Fische, die Händler ohnehin nicht kaufen würden, behalten Fischer wie Kampei Samneang für die eigene Mahlzeit. Zum frittierten Fisch, der mit Gräten und Innereien gegessen wird, serviert seine Frau selbst angebauten Reis. Für Fleisch oder Gemüse bleibt der Familie kein Geld, der Fisch ist die wichtigste Proteinquelle.

„Die Süßwasser-Delfine würden ausgerottet werden“
Doch der Fisch, die Lebensgrundlage für Kampei und seine Familie, ist in Gefahr – durch das Staudamm-Projekt „Don Sahong“. Etwa 85 Prozent der Mekong-Fische migriert über mehrere hundert Kilometer – 30 Meter hohe Staudämme wurden das unmöglich machen. Fisch würde so teuer werden, dass die Menschen in der Region nur noch Reis essen könnten. In Laos und Kambodscha, wo bereits jetzt um die 40 Prozent aller Kinder an Unterernährung leiden, hätte das verheerende Auswirkungen. Aber nicht nur für die Menschen. „Die Staudämme bedrohen den gesamten Fluss und die Artenvielfalt. Die Dämme werden das ökologische Gleichgewicht zerstören”, sagt Ame Trandem, Leiterin der Südostasien-Abteilung der Organisation International Rivers. Über 50 Fischarten in Laos, 40 in Kambodscha und 96 in Thailand könnten aussterben.
Laut WWF würden die sensiblen Süßwasser-Delfine, mit denen Kampei und seine Vorfahren schon seit Generationen im Einklang leben, am schnellsten ausgerottet werden. Weniger als 90 leben noch im Fluss, weltweit einzigartig und so empfindlich, dass schon die kleinsten Veränderungen ihrer Umwelt ihr Ende wären. Ganz zu schweigen von den für den Staudamm-Bau notwendigen Sprengungen. „Entweder die Explosionen töten die Tiere sofort”, meint Experte Gerry Ryan, verantwortlich für die Mekong-Delfine bei WWF. „Oder sie beschädigen das Schallwellorgan, ohne das sie praktisch blind sind.” Die Ausrottung hätte auch wirtschaftliche Folgen: Denn die über fünf Millionen Euro, die die einfach lebenden Menschen in Laos und Kambodscha derzeit mit Delfin-Tourismus verdienen, wären damit von heute auf morgen verloren.

Auch die Andritz AG ist beteiligt
So wie Kampei am „Don Sahong“ leben fast 60 Millionen Menschen im Süden Chinas, in Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam. Den Blick ständig am unbeständigen, fast 5000 Kilometer langen Fluss, der seit Generationen ihre Lebensgrundlage bildet. Auch ihnen droht dasselbe Schicksal wie Kampei und seiner Familie. Denn der „Don Sahong“ ist nur eines von insgesamt elf Staudammprojekten am Mekong, die bald realisiert werden sollen. Die wirtschaftlich aufstrebende Region, besonders China, dürstet eben nach Strom. und der Mekong soll diesen Durst löschen und zur Energieader asiens werden. Beim größten Staudamm wird schon gebaut. Er heißt „Xayaburi“, soll über 12.000 Megawatt leisten können und befindet sich im Norden von Laos. Ein 2,7 Milliarden Euro teures Projekt, an dem auch die Grazer Andritz AG beteiligt ist. Ein Grund, warum dem Unternehmen kürzlich der Publikumspreis „Schandfleck 2013“ der ECA Watch verliehen wurde. Was das Unternehmen dazu zu sagen hat, bleibt offen, unsere Anfrage nach einer Stellungnahme blieb unbeantwortet.
Die Investor/innen des „Don Sahong“-Staudamms haben eine  Idee. Sie wollen sogenannte „Fischlifte“ installieren, die die Migration erleichtern soll, da Fische dann nicht mehr selbst schwimmen müssten. Wie gut der Lift den Fischen gefallen würde und ob das System überhaupt funktionieren kann, ist allerdings nicht erforscht. Fischer wie Kampei Samneang wissen von diesen Diskussionen nichts. „Von dem Projekt reden sie schon seit über zehn Jahren“, lacht er. Dass der Baubeginn am „Don Sahong“ noch vor Sommer angesetzt ist, will er nicht glauben. „Wie kommen denn die Fische dann durch?”, fragt er naiv und dreht sich zu seinem Sohn. Wenn der Teenager erwachsen ist, soll er eine Frau aus dem Dorf heiraten, in seine eigene Hütte ziehen und, wie schon sein Vater und Großvater, vom Fischfang leben. Bleibt nur die Frage, ob er das dann noch kann.

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