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Befreit die Musterschüler/innen

Von: Roswitha Jauk

Erwin Wagenhofer kritisiert in seinem neuen Film ALPHABET ein Schul- und Bildungssystem, das Kinder nur noch im Kontext eines profitorientierten Wirtschaftssystems sieht. Dabei verkümmerten deren natürlichen Begabungen, aus denen heraus sie aber erst zu glücklichen und schöpferischen Menschen würden.

Auf dem Werbeplakat für Ihren Film steht: „98 Prozent aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach der Schule sind es noch 2 Prozent.“ Was haben Sie gesehen oder erlebt, dass Sie so denken?
Erwin Wagenhofer: Es ist ja nicht neu, dass jeder/e von uns mit ganz besonderen Talenten, Begabungen zur Welt kommt. Das Schulsystem nimmt darauf aber keine Rück-sicht, lässt diese Talente meist verkümmern, eben weil es eine ganz bestimmte Vorstellung davon hat, was Kinder können und somit lernen sollten. Noch dazu auf eine sehr unorganische Art, getaktet in 50-Minuten-Einheiten etc. Mit anderen Worten: Es wird alles getan, um den Kindern die natürliche Freude am Lernen auszutreiben. Die besonderen, manchmal einzigartigen Begabungen werden oft gar nicht erkannt. Unser Schulsystem ist vollkommen auf Bewertung ausgerichtet, und alles, was nicht sofort in einen wirtschaftlichen Nutzen umgewandelt werden kann, ist nichts wert. Dabei wissen wir gar nicht, was die Kinder, wenn sie dann ins Berufsleben einsteigen, einmal brauchen werden.

Auf jeden Fall Lesen, Schreiben, Rechnen. Oder stellen Sie das in Frage?
Wagenhofer: Natürlich stelle ich das nicht in Frage, ich will ja keinen Rückschritt! Was ich in Frage stelle, ist unser nur mehr auf Profit ausgerichtetes Wirtschaftssystem und die einseitige Ausbildung für dieses. In den Ländern Südeuropas, wo jetzt so hohe Jugendarbeitslosigkeit anzutreffen ist und jede/r Zweite unter 35 keine Arbeit hat, sieht man dieses Versagen des nicht an Begabungen orientierten Bildungssystems am deutlichsten. Die haben nach dem alten Muster gelernt, manche sind sogar Musterschüler/innen, aber dieses Muster wird nicht mehr gebraucht und die natürliche Begabung ist ver-kümmert. Daher können diese jungen Menschen nicht aus sich schöpfen und geben. Denn es braucht jetzt Kreativität, um neue Arbeits- und Lebenswelten aufzubauen, die hoffentlich lebens-bejahender sind als das zusammengebrochene System.

Begabungen fördern statt Bildung eintrichtern. Ist diese Idee nicht alt?
Wagenhofer: Diese Idee ist sehr alt, allerdings wird sie kaum umgesetzt, denn es geht ja nicht um die glückliche Zukunft der Kinder, sondern um Machterhalt und Ideologie. Neu ist nur, dass unser Planet durch dieses Ausbeuten immer mehr aus der Balance kommt, so wie wir selbst längst aus der Balance gekommen sind. Sie sagen: „Schulen sind aufgebaut wie Fabriken. Dieses Zeitalter wird zu Ende gehen, weil wir endlich gemerkt haben, dass wir keine Maschinen sind.“

Wie sehr glauben Sie an diese Wende? Andere meinen ja, Leistungsdruck und systematischer Konkurrenz würden noch zunehmen.
Wagenhofer: Haben Sie den Klimabericht gelesen? Herausforderungen wie jene, die da auf uns zukommen, werden Sie mit Konkurrenz nicht lösen. Da wird es Zusammenarbeit brauchen, denn das Klima macht an der Grenze nicht halt und die Auswirkungen betreffen uns alle. Wir haben nur eine Erde für unsere menschlichen Grundbedürfnisse zur Verfügung.

Was für eine Haltung Kindern gegenüber schlagen Sie vor?
Wagenhofer: Kinder bringen alles mit, es sind die Gaben und Talente in ihnen angelegt. Ihr Umfeld muss sich darum kümmern, dass diese aufblühen können. Dazu braucht es nicht viel, es braucht Liebe, Respekt und Vertrauen, alles sehr leistbare Dinge. Wir glauben aber, die Kinder sind leere Gefäße, die wir füllen müssen. Was es braucht, ist ein Perspektivenwechsel, einen neuen Blick auf die kleinen Erdlinge, wenn sie zu uns kommen. Wir müssen sie von An-fang an willkommen heißen und als Subjekte und nicht als Objekte behandeln.

Wird nicht ohnehin der Mensch selbst durch dieses System des Immer-mehr-Leistens eines Tages frustriert sein? Einfach, weil er eben nicht wie eine Maschine funktioniert?
Wagenhofer: Ich beobachte, so richtig glückliche Menschen gibt es kaum. Wenn Sie sich in Wien oder in Berlin in der Früh mit der U-Bahn bewegen, ist das zu sehen. Die Frustration ist schon längst da, ganz speziell auch bei jungen Menschen, die auch die Unsicherheiten des Wandels, in dem wir uns gerade befinden, spüren. Das ist sehr schade. Genau deswegen geht auch nichts weiter, weil kaum mehr Visionär/innen existieren und das System sich erschöpft hat. Wir haben eben jahrelangen Raubbau betrieben und müssen uns jeden Tag anhören, dass es immer noch zu wenig war. Wir brauchen Wachstum, wird uns eingeredet, dabei brauchen wir Erholung und Ruhe und eine Nachdenkpause.

Welchen Umständen ist es zu danken, dass Sie selbst so gerne und gut kritisch denken?
Wagenhofer: Offensichtlich darf ich meine Gabe leben, dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Ich versuche auch, etwas zurückzugeben. Im Moment braucht es Filme wie diesen, so meine ich, darum versuche ich, einen kleinen Beitrag zu leisten. Mehr ist es nicht.

Kinotipp:
ALPHABET von Erwin Wagenhofer.
Der Film versteht sich als 3. Teil der Trilogie über Fehlentwicklungen in der Welt. Die ersten beiden Teile („We feed the World“ über Ernährung und „Let‘s make Money“ über Geld) gehören zu den erfolgreichsten österreichischen Dokumentarfilmen.
ALPHABET läuft seit Oktober 2013 in unseren Kinos.

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