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Schlafplatz Superior

Von: Peter K. Wagner

Schlafplatz In die „Arche 38“ kehrt ein, wer kein Dach über dem Kopf hat. Doch diese Obdachloseneinrichtung bietet weitaus mehr. Ein Besuch.

Wer vom Grazer Hauptbahnhof aus die größte Straße Richtung Süden nimmt, der lernt unsere Gesellschaft richtig kennen. Hier auf dem Eggenberger Gürtel funkelt in einer Auslage ein fast 800 Euro teures Waldhorn. Ein Pfandleihhaus bietet eben an, was sich irgendjemand nicht mehr leisten konnte. Gegenüber kommt ein bedrückt wirkender Mitdreißiger aus einem Haus mit auffällig blauem Glasverbau, auf dem groß drei Buchstaben prangen: AMS. Er kann sich wohl auch weniger leisten als früher. Er war gerade beim Arbeitsamt. Nur wenige Häuser weiter sehen drei Männer in allen Passant/innen den nächsten schwarz bezahlten Hilfsjob. Ihre Hoffnung ist nicht das AMS, sie stehen am Arbeiterstrich. Und gleich neben ihnen kehrt ein, wer sich auch kein Dach über den Kopf mehr leisten kann. Hausnummer 38. Ein Neubau und eine Glastür, vier Stöcke – die Männernotschlafstelle und Wohngemeinschaft „Arche 38“.

„Ich kenne viele vergleichbare Häuser“, sagt Michael Lintner, Leiter der „Arche“. „Eine schönere Obdachloseneinrichtung ist mir in Österreich aber noch nicht untergekommen.“ Es ist nicht selbst-verständlich, dass in Tagen wie diesen für soziale Einrichtungen viel Geld in die Hand genommen wird. Bei der „Arche“ hat es die Stadt Graz getan. 1,7 Millionen Euro sogar. Dafür bekam das Haus eine Generalsanierung, wurde umgebaut und um zwei Stockwerke erweitert. Seit der Eröffnung im Juli 2013 ist das, was einmal als Rettungszentrale der steirischen Landeshauptstadt angelegt wurde, ein Gebäude, das seinen Ansprüchen als soziale Einrichtung mehr als gerecht wird. „Die Herausforderung war der 30 Seiten starke Katalog mit Problemstellungen“, erklärt Lintner. 30 Seiten mit Kleinigkeiten und großen Hürden. Den Zuschlag erhielt das Architekturbüro W+G Wratschko. Es verlegte etwa das Stiegenhaus für die bessere Trennung der einzelnen Bereiche. Oder sorgte in der Notschlafstelle im zweiten Geschoss für eine räumliche Aufteilung, die stark an ein Hotel erinnert. Michael Lintner deutet auf das eingerahmte, großformatige Foto an der Wand. Es zeigt die Notschlafstelle vor dem Umbau. Stahl-rohrhochbetten, dicht aneinander gedrängt. Die Aufnahmen sind in Schwarz-Weiß gehalten und düster – die Gegenwart ist wesentlich freundlicher. Lintner öffnet die Türe zu einem der Zimmer. Ein heller Raum, hochwertige Holzbetten und Holztrennelemente – jeweils gespendet von der Tischlerinnung. 30 Schlafplätze gibt es insgesamt. „Bed and Breakfast“ nennt Lintner das Konzept, weil es am Abend und in der Früh eine Jause gibt für die Obdachlosen.

Zwei Etagen höher steht Herr Prem am Fenster. Er ist 73 Jahre alt. Die grauen, noch immer vollen Haare sind fein nach hinten gekämmt, das faltenlose Hemd steckt in der Hose. Das hier ist sein Zimmer. Bett, Kasten, Kommode, Schreibtisch, Fernsehanschluss, Fenster mit Aussicht. Er ist einer von 14 dauerhaften Bewohnern der Wohngemeinschaften im dritten und vierten Stock. Einziehen darf in diese WG nur, wer sich vom ersten Tag an von Sozialbetreuern helfen lässt. „Mir geht hier nichts ab, nein, uns geht’s hier wirklich gut“, sagt Herr Prem. Installateur sei er früher gewesen, ehe ihm seine Lunge zu schaffen machte. Tuberkulose. Er konnte nicht mehr arbeiten, daher bekommt er nur die Mindestpension, Alimente muss er auch bezahlen. Viel mehr als 600 Euro bleiben ihm nicht im Monat. Drei Jahre zahlt er bereits Schulden ab und kämpft für die Rückkehr in eigene vier Wände. 110 Euro kostet ihn die Miete in der „Arche“. Er wirkt nicht verzweifelt. Er lacht, versprüht Lebensmut und hofft, bald wieder genug Geld zusammenzuhaben. Auf Wohnungssuche ist er schon.

Sein Wohnzimmer und seine Küche werden in den eigenen vier Wänden kaum dieselbe Größe haben wie hier. Denn im Gemeinschaftsbereich der WGs outet sich die „Arche“ endgültig als Luxushotel unter den Obdachloseneinrichtungen. „Wir haben im Rahmen unseres Budgets auf Qualität gesetzt, weil die Einrichtung nur dann Jahre überdauern kann“, erklärt Michael Lintner. Diese Qualität sieht man. Ob beim Backrohr, dem Herd oder der Arbeits-fläche. Und erst recht beim Wohnzimmer. Schwarze Ledercouch, Flachbildfernseher, Schreibtisch mit Computer und Drucker. Einen großen Balkon gibt es auch. Wer ganz unten ist, der kann eben besser aufstehen, wenn ihm mehr geboten wird als ein Matratzenlager. Und weiß den Komfort hier auch zu schätzen. Mehr als drei Monate nach der Eröffnung ist kein Fleck an der Wand zu sehen, kein Kratzer an den Möbeln. Auch nicht in der WG, wo selbst geputzt und für Ordnung gesorgt wird. Nicht in der Notschlafstelle, obwohl täglich andere Menschen einkehren. Die Kurz- und Langzeitgäste sind wohl einfach dankbar. Immerhin wollen sie nur einen Schlafplatz. Und bekommen weit mehr als das.

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