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"Ich will endlich einmal auf eigene Faust leben"

Von: Evelyn Schalk

Dieses Verlangen ihrer Romanprotagonistin war auch jenes der Autorin selbst. Mela Hartwig-Spira war wohl eine der ungewöhnlichsten Frauen ihrer Zeit – und dieser nicht nur einen, sondern viele Schritte voraus. Erst als Schauspielerin, dann als progressive Autorin und avantgardistische Malerin setzte sie ausdrucksstark Zeichen. Als Literatin stellte sie sprachliche Konventionen infrage, mehr jedoch noch brach sie mit ihrer feministischen Themenwahl gesellschaftliche Tabus. Vor den Nationalsozialisten musste sie ins englische Exil fliehen. Die Rückkehr blieb ihr im reaktionären Nachkriegs-Österreich verwehrt. Nahezu ein halbes Jahrhundert später ist nun in der Steiermärkischen Landesbibliothek eine Ausstellung über die Ausnahmekünstlerin zu sehen.

Als „eine der stärksten Talentverheißungen der letzten Zeit“ wurde sie gewürdigt, ihr Roman sollte mit Greta Garbo verfilmt werden, Alfred Döblin und Stefan Zweig zählten zu ihren Förderern. 1893 wurde Mela Hartwig in Wien geboren, ging als Schauspielerin nach Berlin, kam mit ihrem Mann, dem Rechtsanwalt Robert Spira, nach Graz und begann zu schreiben. Die Protagonistinnen ihrer Texte sind Frauen, die im Spannungsfeld zwischen den erzwungenen Lebensentwürfen und ihrem heftigen Aufbegehren dagegen leben. Eine emotionale und soziale Zerreißprobe, an der sie mitunter zu verzweifeln drohen, der sie sich jedoch mit Vehemenz stellen. Ihrer Zeit entsprechend griff sie auch die Zugänge der Psychoanalyse auf und machte gleichzeitig ihre patriarchalischen Implikationen sichtbar. So hielt etwa Sigmund Freud Frauen für „nicht kunstfähig“, worauf heute Elfriede Jelinek verweist.

Als eine der wenigen Autorinnen brach Mela Hartwig-Spira immer wieder Tabus, schrieb über sexuelle Wunschträume, Inzest und Abtreibung, darüber hinaus übte sie Kritik an Justiz und Kapital-wirtschaft. Die aktuelle Relevanz ihrer Texte lässt sich am Titel des Novellenbandes „Quer durch die Krise“ ablesen, der die Angst vor Entlassung und Arbeitslosigkeit, sozialen und existentiellen Folgen, schildert. In „Bin ich ein überflüssiger Mensch?“ setzt sie sich mit Rollen- und Körperbildern auseinander. Sie zeigt das Scheitern einer durchschnittlichen Frau an den politischen und sozialen Verhältnissen, doch auch ihren Widerstand: „Ich [...] werde den Mut haben, wenn es mir schon versagt ist, das Ungewöhnliche zu erleben, wenigstens darauf zu verzichten, das Gewöhnliche zu erleben.“ Dabei unterschlägt sie nicht die Zerrissenheit, den Druck, der auf der Frau lastet, und setzt ein „vielleicht“ ans Satzende. Als Literatin setzte sie expressionistische Stilmittel zur vielschichtigen, präzisen Gesellschaftsanalyse ein, verstörte mitunter, hatte jedoch Erfolg. In „Das Weib ist ein Nichts“ erkennt die Protagonistin das fehlende Recht auf Selbstbestimmung: „Ich war immer nur Geliebte, ich war kein Mensch […]. Ich war immer nur ein Gefäß, in das irgendeiner sein Leben hineingestopft hat.“ Hollywood rief, Metro Goldwyn-Mayer plante, den Text mit Greta Garbo in der Hauptrolle zu verfilmen.

Doch so weit kam es nicht. Je näher die Machtergreifung der Nationalsozialisten rückte, desto weniger fand sie einen Verlag, der den Mut hatte, ihre Arbeiten zu veröffentlichen. Eine jüdische Autorin, noch dazu mit solch progressiven Inhalten ließ man wissen, ihre Texte entsprächen nicht mehr dem Geschmack „des deutschen Publikums und besonders der deutschen Frau“.
So wandte sie sich einer anderen künstlerischen Ausdrucksform zu: der Malerei. Sie nahm bei Alfred Wickenburg Unterricht, entwickelte zusehends ihre eigene, ausdrucksvolle Farb- und komplexe Formensprache.
Nachdem ihre Kunst von den Nazis als „entartet“ verfemt wurde und ihr Mann aufgrund seiner jüdischen Herkunft und seines politischen Auftretens gegen die NSDAP akut gefährdet war, flohen sie 1938 nach Großbritannien. Ihr gesamtes Vermögen war arisiert worden. In London lebten sie beinah mittellos, sie arbeitete als Deutschlehrerin und lernte die Schriftstellerin Virginia Woolf kennen. Im Exil wandte sich Hartwig-Spira verstärkt der Malerei zu und ihren Bildern war positive Resonanz beschieden. Drei davon sind nun in der Landesbibliothek zu sehen, ihr Werk jedoch ist weit verstreut, zum Teil verschollen.
1948 kam das Ehepaar in die Steiermark zurück, wurde im post-faschistischen Österreich aber keineswegs mit offenen Armen empfangen, die Nazi-Propaganda hatte ganze Arbeit geleistet. „Die Leute in der Steiermark haben sich geschreckt, wie sie uns gesehen haben“, erinnerte sich Robert Spira später. Für Mela Hartwig war es eine zweite Vertreibung. Die beiden gingen zurück nach London und nahmen drei kleine Tannenbäume mit, die sie in ihrem Vorgar-ten pflanzten. „Österreich blieb für das Ehepaar Spira das Land der Sehnsucht, das Land, nach dem sie Heimweh hatten“, schreibt Gerhard M. Dienes. Doch es ist ein Land, das so nur mehr in ihrer Erinnerung existierte. Inzwischen hielt es lieber den eigenen Opfer-mythos hoch, als sich um die tatsächlichen Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes zu bemühen.
So blieb auch Mela Hartwig die Fortsetzung ihrer literarischen Karriere verwehrt, ihre Texte unvollendet und/oder unveröffentlicht. Der österreichische Literaturbetrieb huldigte stattdessen jenen Autoren und Autorinnen, die in der NS-Zeit reüssiert hatten. Mela Hartwig-Spira starb 1967 in London. Einige Tage später nahm sich ihr Mann das Leben.

Erst 2001 wurden bei Droschl einige ihrer Werke neu aufgelegt, nun ist, in Kooperation mit der Steirischen Gesellschaft für Kulturpolitik, die bereits in London gezeigte Ausstellung zu sehen. 75 Jahre nach dem „Anschluss“, zu dem es in der Steiermark keinerlei offizielle Veranstaltungen gibt, wie auch Kurt Flecker, Landtagspräsident a. D., bei der Eröffnung erwähnte, findet diese unter dem Titel „Der Tempel brennt!“ statt. Der geichnamige Text Mela Hartwigs schildert eindringlich die Zerstörung der Synagogen durch die Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht von 8. auf 9. November 1938. „Ich war blind und heute sind mir die Augen aufgegangen. Ich sehe, was ich nicht sehen will und doch sehen muss“, heißt es darin, und weiter: „Wenn ich den heutigen Tag überleben soll, muss ich mit meinen Nägeln den Grund, auf dem sie wandeln, untergraben, bis er einstürzt, unter dem Tritt ihrer Stiefel.“

Die Ausstellung ist noch bis 7. Juni, immer Mo-Fr, 10-17 Uhr in der Landesbibliothek zu sehen.

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