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Hinter Gitter: An der Grenze der Gefühle

Von: Elisabeth Pötler

Mit Gefängnisseelsorger Josef Riedl in der Justizanstalt Graz-Karlau.

Die Türe fällt ins Schloss und ein beklemmendes Gefühl legt sich um den Brustkorb, klettert an Beinen und Armen hoch. Ringsum sind Gitter: schwere Gitter aus dunklen Eisenstäben, feine Gitter querverlaufend und Gitterschleifen über den Mauern aus Stacheldraht. Gerhard*, am Sessel gegenüber, blickt interessiert durch seine runde, dicke Brille. Noch 15 Jahre ist er hier eingesperrt in der Justizanstalt Graz-Karlau. Der Mann mit dem weißen Bart hat einer Frau Gewalt zugefügt. „Sagen wir, ich habe ein Verbrechen begangen bei dem ein Mensch zu Schaden gekommen ist. Gestorben ist er nicht“, sagt er und legt seine Fingerspitzen aneinander. Gerhard ist Kunstmaler und zeichnet seine Welt in düsteren Farben: „Hier im Gefängnis schwimme ich in einer endlos schwarzen See. Aber die Gespräche mit ihm sind wie ein kurzes Auftauchen und Nach-Luft-Schnappen.“

Er, das ist Josef Riedl. Reden gehört zu seinen Aufgaben, vor allem das Zuhören. Der 52-Jährige ist Seelsorger in der Karlau. 40 Stunden pro Woche verbringt der Pastoralassistent im Gefängnis, wo 550 Männer ihre Haftstrafen absitzen – wegen Diebstahl, Vergewaltigung oder etwa Mord. Riedl spricht mit allen, die das wollen, über ihre Themen, Sorgen, Freuden. Heute sind es fünf Insassen.

Am Holzstuhl neben Gerhard hat er Platz genommen. Sie sehen sich an, vertraut. „Oft reden wir über deine Malerei“, sagt Riedl. Gerhard malt auch im Gefängnis: surrealistische Bilder, etwa ein Haus in verwobenen Baumkronen. Riedls Blick ruht in Gerhards Augen, tief hinter der Brille.

Im Frühjahr 2003 war die Stelle ausgeschrieben: Gefängnisseelsorger. Und Riedl hat gewusst: Das passt. Er hatte Theologie studiert, als Pastoralassistent bei Pfarrer Wolfgang Pucher gearbeitet. „Vor dem Gespräch mit meinem ersten Mörder habe ich überlegt: Treffe ich eine Bestie?“, schmunzelt Riedl. „Aber nein, es ist immer noch ein Mensch“, sagt er. Mit all seinen Abgründen. Sein berühmtester Fall: Der Serienmörder Wolfgang Ott, der mehrere Frauen getötet und in der Enns versenkt hat.

Wider die Ablehnung
„Ich möchte in jedem Menschen das Göttliche finden“, sagt Riedl trocken. Die Insassen müssen seinen Plan nicht kennen. Was er entdeckt: ein Lächeln, eine nette Geste. Sein Job? Sich einzulassen auf das Innenleben von Menschen außerhalb der Gesellschaft. „Wenn Sie so wollen, greife ich ins Meer und gebe ihnen Halt“, ergänzt Riedl das Bild. „Ich darf mit den Insassen mitfühlen.“ Im Unterschied zu Psycholog/innen oder Psychiater/innen muss er sie nicht bewerten. Seine Arme streckt Riedl aber nicht nur bildlich aus. Er gibt auch körperlich Halt. „Insassen sagen, sie spüren sich nicht mehr, und fragen, ob ich sie umarmen kann.“ Riedl kann. „Ich habe keine Berührungsängste. Ich weiß, wo ich aufhöre und wo der andere beginnt.“ Der Seelsorger hat beim Karate seine eigenen Grenzen erkundet, oft praktiziert er Tai Chi. Verwurzelt zu sein, ist wichtig.

Was im Gehirn passiert, wenn jemand empathisch ist, also fühlt, was jemand anderer fühlt, haben Neurowissenschaftler/innen etwa mittels EEG untersucht. „Es gibt Aktivität in den gleichen Bereichen, die aktiv sind, wenn man selbst diese Emotion empfindet“, erklärt Claus Lamm, Psychologe an der Uni Wien. „Schon Babys im Alter von bis zu 18 Monaten werden davon geprägt, wie ihre Mutter mit ihren und deren Emotionen umgeht.“ Lässt sie diese zu oder werden sie verbannt? Aber Empathie kann man auch im Erwachsenenalter lernen, indem man übt, sich in andere hineinzuversetzen. Wann Mitgefühl entsteht, entscheidet sich bewusst und unbewusst. Eine zentrale Frage: Ist der Mensch selbst schuld an seiner Lage?

Der Spiegel
Auch Riedls Empathie stößt an Grenzen: bei Straftätern, die Kinder getötet haben. „Da muss ich innerlich abschalten, weil ich Vater bin.“ Ob alle Menschen Mitgefühl verdienen? „Nur weil jemand im Gefängnis sitzt, überkommt ihn nicht die tiefe Reue. Aber auch hier gibt es seelische Not.“ Viele der Häftlinge sorgen sich etwa um ihre Partnerinnen, fürchten sich vor der Zukunft. Riedl redet mit ihnen, ohne Beschönigung. „Der Trost besteht nicht darin, ihnen die Seele zu streicheln“, sagt er mit festen Worten, sein Blick ist weich. Er nimmt sie wahr: als Menschen. Er ist Anker und Spiegel in einer Welt, in der das Blickfeld zerteilt ist: in kleine Rechtecke zwischen all den Gitterstäben.

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