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EIn Traum vom Leben

Von: Claudia Rossbacher

Autorin begegnet Verkäuferin. Diesmal Claudia Rossbacher über Innocence Ozuogie.

Es gibt keine Zufälle, heißt es. Meine Begegnung mit Innocence Ozuogie soll diese These einmal mehr bekräftigen. Ausgerechnet mir, einer – in der Realität nicht ganz so hartgesottenen – Krimiautorin, stellt sich ein Mann vor, dessen Lebensgeschichte umfangreichen Stoff für einen politischen Thriller bietet. Spannung und Gänsehaut garantiert. Nur das Ende ist noch offen.

Anfangs unsicher, was und wer ihn im Megaphon-Café erwartet, fasst Innocence rasch Vertrauen zu mir und erzählt von den lebensgefährlichen Ereignissen, die ihn vor gut zwei Jahren aus seiner Heimat haben fliehen lassen. Die blutigen Details möchte ich an dieser Stelle lieber nicht erwähnen, solange das Asylverfahren läuft. Dass einige Leichen seinen Weg pflastern, auch die seines Vaters, treibt mir jedenfalls die Tränen in die Augen. Den Sohn des ermordeten Politikers hätte vermutlich längst dasselbe grausame Schicksal ereilt, wäre ihm nicht ein Fremder zu Hilfe gekommen, der ihn, verdreckt und versifft, auf der Flucht vor seinen Verfolgern, von der Straße in Benin City auflas und auf das Schiff nach Europa brachte. Ohne dafür auch nur einen Cent zu verlangen. Den rettenden Engel habe Gott ihm geschickt, ist Innocence Ozuogie überzeugt. Dessen Namen kennt er leider nicht.

Das Burgenland war seine erste Station in Österreich. In Horitschon half Innocence in der Kirchengemeinde aus. Dort lernte er auch seinen Kumpel, wie er Nigerianer, kennen. Und er spielte Fußball. So gut, dass er einige Male in einer Kampfmannschaft einspringen durfte. Bis er begriff, dass er im Verletzungsfall nicht versichert war und sich keine ärztliche Behandlung hätte leisten können. Also hing er die geliehenen Fuß-ballschuhe an den Nagel und folgte seinem nigerianischen Freund nach Graz, um Straßenmagazine unter die Leute zu bringen und so seine Grundversorgung ein wenig aufzubessern. Auch, wenn es vor allem im Winter besonders hart ist, tagaus, tagein draußen zu stehen, ist er dankbar, dass er einer Beschäftigung nachgehen kann. Nur zu Hause zu sitzen und auf den Bescheid des Asylverfahrens zu warten, sei für ihn undenkbar, sagt er.

Seinem Freund, bei dem er nach wie vor wohnt, wurde vor kurzem, nach neunjährigem Verfahren, Asyl gewährt. Etwas, von dem Innocence weiterhin nur träumen kann. Genauso, wie von einer Arbeitsstelle, die ihm endlich auch eine Familiengründung erlauben würde. Immerhin ist er schon 36 Jahre alt. Wie lange das Damoklesschwert der Abschiebung noch über ihm schwebt, weiß niemand. Was mit ihm geschieht, wenn er nach Nigeria zurückkehren muss, ist für ihn tödliche Gewissheit.

Was er sich sonst noch von seiner Zukunft wünsche, frage ich ihn abschließend. Er zögert, als hätte er kein Recht, sich mehr zu wünschen, als hier leben und arbeiten zu dürfen. Auf alle Fälle möchte er Deutsch lernen, fällt ihm als Erstes ein. Bisher fehlten ihm die Mittel für einen Sprachkurs. Ansonsten wünscht er sich, dass unschuldige Menschen, egal welcher Hautfarbe, in Frieden und Freiheit leben dürfen, ohne Vorurteile und Repressalien. Ob Innocence nun sein wahrer Name oder ein selbst gewählter ist, hinterfrage ich nicht. So oder so passt er zu ihm wie kein anderer.

Ich bedanke mich bei ihm für seine Offenheit und breche auf. Aufgewühlt und nachdenklich. Wie gerne würde ich seine Geschichte zu Ende schreiben. Mit einem Happy End, versteht sich. Doch das Schicksal des Protagonisten liegt im Ungewissen. Denn das hier ist das Leben, kein Krimi. Leider.


Claudia Rossbacher lebt als freie Autorin in Wien. In den letzten Jahren hat sie vorwiegend Kriminalromane und Kurzkrimis veröffentlicht. Ihr Alpen-krimi „Steirerblut“ wurde von Wolfgang Murnberger für den ORF verfilmt und bei der Diagonale 2013 uraufgeführt. „Steirerherz“ und „Steirerkind“ aus den folgenden Jahren konnten sich, wie schon der erste Fall der LKA-Ermittlerin Sandra Mohr, einige Monate lang in den österreichischen Beststellerlisten behaupten.

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